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Meckernde Nachbarn (Kurzgeschichte)

30. September 2007

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Manche meckern aus Leidenschaft, andere können einfach nicht anders…

Tante Rosa hatte immer Ärger mit den Nachbarn. So lange sie denken konnte, machten diese nichts als Ärger. Und zwar alle!

So fühlte sich Tante Rosa dazu berufen, ja regelrecht verpflichtet, den unweigerlichen Untergang von Recht und Ordnung in der kleinen, beschaulichen Anliegerstraße abzuwenden. Wer, wenn nicht sie, sollte für Ordnung in dieser Straße sorgen? Etwa die alte Frau Pillenbreier, deren Katze sich erdreistete, mindestens einmal pro Woche Tante Rosas kleinen Garten zu durchqueren? Wohl kaum. Frau Pillenbreier verstand ja nicht einmal, dass dieses Vergehen seitens ihrer Katze Tante Rosa zur Weißglut brachte. Das sei doch nicht schlimm, behauptete sie! Oder Herr Seppelei, der es wagte, wenn er abends um 22:00 Uhr, verschwitzt von der Spätschicht nach Hause kam noch zu duschen, obwohl das eindeutig gegen die Hausordnung verstieß? Wohl auch nicht.

Etwa die jungen Leute aus dem Erdgeschoss, die Tante Rosa schon mehrmals beim nicht vorschriftsmäßigen Parken erwischt hatte? Nein, sie versperrten nicht etwa eine Feuerwehrzufahrt, oder behinderten irgend jemaden. Aber sie hatten es schon mehrmals versäumt, ihren Anwohnerausweis vorschriftsmäßig im Auto zu plazieren. Ein klarer Fall für das Ordnungsamt, für dessen Nummer sich Tante Rosa längst einen Best-Friend-Tarif hatte einrichten lassen. Natürlich wußte jeder in der Straße, dass die Leute dort wohnten, aber Vorschrift ist eben Vorschrift! Oder gar Familie Sonnenschein, deren Kinder immer noch regelmäßig draußen spielten, obwohl Tante Rosa sich schon zig mal darüber beschwert hatte? Ja, wo kämen wir denn hin, wenn Kinder auf einer Spielstraße auch tatsächlich spielen dürften?

Herr Poppenbrink von oben? Über dessen Kanarienvogel sie sich schon unzählige Male bei der Hausverwaltung beschwert hatte, weil er einen unzumutbaren Lärm verursachte? Okay, es war etwas peinlich, dass sie sich auch noch über den unerträglichen Lärm beschwert hatte, nachdem der Kanarienvogel schon Monate zuvor verstorben war, aber dennoch! Das war doch nur ein Grund mehr ihn zu hassen, denn dadurch hatte Tante Rosas Glaubwürdigkeit bei der Hausverwaltung beträchtlichen Schaden erlitten. Ach ja, oder etwa Herr Möllendinkel von nebenan? Pah, lächerlich! Dieser uneinsichtige Quertreiber hatte sich doch sogar von ihr bis vors Gericht schleifen lassen, weil er sich stur verweigerte die Gartenzwerge aus seinem Garten zu entfernen. Dabei hatte Tante Rosa zig Beschwerden geschrieben. Sie konnte den Anblick dieser häßlichen Zwerge einfach nicht ertragen. Sie könne sie doch nur sehen, wenn sie sich über die Hecke lehne, hatte dieser unverschämte Knilch zu widersprechen gewagt! Natürlich konnte sie die Zwerge nur dann sehen, aber schließlich musste sie sich ja ständig über die Hecke lehnen, die sein Grundstück umgab. Wie sonst, hätte sie denn verstehen sollen, was dort gesprochen wurde? Diese verdammte Hecke absorbierte ja nahezu jedes Wort!

Nein, aus dieser Ansammlung von Taugenichtsen und Gesetzesbrechern, die sie hier umgaben, war doch offensichtlich niemand in der Lage hier für Ordnung zu sorgen. Und es tat Not, dass sich hier jemand um alles kümmerte, fand Tante Rosa. So nahm sie sich der wichtigen Aufgabe an, die sie in ihren Augen für diese Welt unentbehrlich machte. Allein Tante Rosa vermochte hier den Untergang abzuwenden, davon war sie fest überzeugt. Und sie leistete ganze Arbeit. Dass sie in der gesamten Nachbarschaft nur „die Meckertante“ genannt wurde, störte sie nicht im Geringsten. Im Gegenteil, es erfüllte sie sogar mit einem gewissen Stolz!

Akribisch führte sie Listen, wer wann wo und warum wie lange parkte, führte sauber Buch über jedes einzelne Geräusch das aus den Wohnungen drang, notierte jeden Laut und jede Bewegung. Kaum zu beschreiben, das Gefühl tiefster Zufriedenheit, das sie durchströmte, wenn sie aus der Deckung ihrer vergilbten Gardine beobachten konnte, wie die herbeigerufenen Ordnungshüter dann ihres Amtes walteten, und jede noch so kleine Ordnungswidrigkeit mit einem Bußgeld ahndeten. Welch ein Genuß für Tante Rosa! „Jeder kriegt irgendwann, was er verdient!“, pflegte Tante Rosa dann mit einem hämischen Grinsen zu sagen. „Jeder kriegt irgendwann was er verdient!“

Seit Jahren nun, hatte Tante Rosa ihre Sheriff-Neurose gepflegt und kultiviert. Unzählige Glücksmomente erlebt, wenn sie ihre Nachbarn bei Ordnungswidrigkeiten erwischt, und diese auch unverzüglich weitergeleitet hatte. Unzählige Male mit verzückt-schadenfrohem Gesicht ein „irgendwann kriegt jeder was er verdient!“ in die vergilbte Gardine gehaucht. Doch allmählich wurde Tante Rosa müde. Die Aufgabe, die sie einst so ausgefüllt hatte, begann sie anzustrengen. Dennoch – aufgeben kam für Tante Rosa nicht in Frage. Eines Tages erhielt Tante Rosa Post, die ihr Leben verändern sollte. Sie hatte geerbt! Auf ihre alten Tage noch, dieses plötzliche und unerwartete Glück: Ein ganzes Haus hatte sie geerbt! Und zwar im Grünen, fernab von jeglicher Nachbarschaft! „Wusste ich es doch“, flüsterte sie verzückt, „irgendwann kriegt jeder was er verdient!“

Nur einen Bauernhof gäbe es nebenan, hatte der Testamentsvollstrecker ihr erklärt. Der Bauer sei aber seines Wissens schon älter, und habe sein Vieh schon abgeschafft, sagte er noch. „Kinder?“, hakte Tante Rosa sofort nach. „Nein, der Bauer ist alleinstehend.“ Ein Stein fiel ihr vom Herzen. „Hunde?“ „Nein. Nur der einsame Bauernhof, ansonsten völlige Ruhe und Abgeschiedenheit. Keine Kinder, keine Hunde, keine Nachbarn. Das nächste Haus ist etwas 2 km entfernt.“, erklärte der Testamentsvollstrecker. Eiligst kündigte Tante Rosa ihre Wohnung, packte flugs ihre Sachen, und reiste am späten Abend in ihrem neuen Domizil an. Sie konnte es kaum erwarten wollte ungebingt sofort einziehen. Schließlich war das Haus bis zum Schluß bewohnt gewesen, und noch voll möbiliert.

Das neue Domizil machte einen soliden und gepflegten Eindruck. Sie lauschte angestrengt, nachdem sie sich glücklich, und von der Reise erschöpft, in die Kissen fallen ließ. Doch so angestrengt sie auch lauschte, es umgab sie nichts als absolute Stille. „Himmlisch“ hauchte sie verzückt, und fiel in einen tiefen Schlaf.

Mähäää! Määähhh! Mähäää! Mähähähääää! Mähähähähä! Määääääääh!

Den ohrenbetäubenden Lärm, der sie im Morgengrauen brutal aus dem Schlaf riss, konnte Tante Rosa zunächst nicht zuordnen. Erschrocken sprang sie auf, und stürmte zum Fenster. Ziegen! So weit sie blicken konnte nicht als lautstark meckernde Ziegen! Hunderte, nein es mochten gar Tausende sein! Eiligst warf sie sich einen Bademantel über und stürmte hinaus. „Was soll das?“, schrie sie zu dem Bauern herüber. „I vertsah nix!“, entgegnete dieser schulterzuckend er zurück, „die Ziegen…“

„Dieses Gemecker ist ja nicht zum aushalten!“, protestierte Tante Rosa heftig. Doch der Bauer zuckte wieder nur mit den Schultern, und schlenderte gemütlich zu ihr herüber. „Die san wohl aufgregt“, erklärte er freundlich. „Vielleicht ahnen ´s scho, dass glei noch 1000 neue kommen.“ Tante Rosa stockte der Atem. „Ich rufe sofort das Ordnungsamt!“, krächzte sie heiser.

„Naa, des brauchens net, die kimme jo glei!“, sagte er gelassen, „die bringen doch die Ziegen! Des is so a ganz neues Projekt, wegge dem Umweltsschutz, und so. Die Ziegen sollen die städischen Grünflächen kurzhalten. Des soll über ganz Deutschland verteilt werden, und hier werden ´s alle gezüchtet, hier verbringens alle den Winter. Mir san hier sowas wie die Zentrale für ganz Deutschland, is des net toll?“ Er strahle. Tante Rosa schluckte.

„Wissen ´s, vor einigen Wochen noch, stand ich vor dem Ruin“, erklärte der Bauer freundlich, „des Milchvieh lohnt sich ja nimmer. I dacht scho, jetzt host dei ganzen Leben lang geschafft, und dann gehst Pleite. Aber dann kam des tolle Angebot mit den Ziegen. I verdien jetzt viel mehr, und hab auch noch weniger Arbeit!“ Seine Worte drangen wie durch einen Nebel zu Tante Rosa. Sie das Gefühl in einem schlechten Traum gefangen zu sein.

„Ha, jo“, führte der Bauer nachdenklich fort, „am End gibts a doch a Gerechtigkeit. Am End kriegt halt doch noch a jeder wos er verdient.“

Tante Rosa antwortete nicht…

One comment

  1. Unsere Nachbarn waren heute weder zu sehen noch zu hören; sie sind im Stall geblieben. Jeder glaubt es wären Ziegen, aber es sind Kamerun-Schafe, die nicht wie Schafe aussehen und sich wie Ziegen anhören.

    Als die Schaf-Familie auf den Geschmack unseres Rasens kam, stellte mein Vierbeiner (http://hundeseite.wordpress.com/) seine bis dahin unbekannte Qualität als Hütehund unter Beweis und trieb die Herde zurück nach Hause.

    Seither hatten wir keinen meckernden Besuch mehr.



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