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Ein etwas anderes Reiterlebnis…

1. Oktober 2007

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Vier Beine, Kopf & Höcker = Kamel? Oh nein, soooo einfach ist das nicht!

Es war einmal auf Djerba… Herrliches Wetter, tolles Hotel, alles perfekt. Einige Meter entfernt, ein Reitstall. Die Pferde erstaunlich gut gepflegt und gut im Futter, viel besser, als ich es je von „Touristenpferden“ erwartet hätte. Dennoch – der Versuch, meinen Männe zu einem Strandritt auf einem Pferd zu überreden, wäre kläglich gescheitert. Er hatte Angst vor Pferden. Abgesehen davon, hätte es mir nicht behagt einen 1,92 m großen Mann auf ein 1,50 m großes Berberpferd zu setzen. Und dem Pferd wohl noch weniger.

Kamele schienen da vom Größenverhältnis schon passender. Und seltsamerweise, zeigte er vor denen auch keinerlei Scheu. Verstehe das wer will, aber was soll´s. Wer den Urlaubsfrieden wahren will, muss eben flexibel sein. So wurde es schnell zur beschlossenen Sache: Der nächste Ausflug sollte auf Kamelen stattfinden! >

Aber: Moooooment! Es gab viele Anbieter für Kameltouren, und als Tierfreund ist man wählerisch! Tiere, denen man offensichtlich mit Ringen oder festgezurrten Stricken durch die Nase Schmerzen zufügte, um sie gefügig zu machen, schieden sofort aus. Ebenso Tiere, die ungepflegt oder schlecht ernährt aussahen. Nicht, dass ich ein Kamelexperte wäre, aber gewisse Dinge lassen sich bei aufmerksamer Beobachtung auch vom Kamel-Laien erkennen.

Es folgte ein harter Nervenbelastungstest für meine bessere Hälfte, in Form einer strengen Begutachtung der feil gebotenen Reittiere unter tierfreundlichen Gesichtspunkten. (An dieser Stelle noch einmal herzlichen Dank für sein Verständnis, und die unendliche Geduld in dieser Sache, die ich als eindeutigen Liebesbeweis werte! 😉 Nicht, dass er Tieren gegenüber gedankenlos wäre, sein Auge für die Feinheiten damals einfach nocht nicht so geschult.)

Zum Vergleich

Seine Sichtweise zum damaligen Zeitpunkt: 4 Beine, Kopf, Höcker = Kamel = kann man wohl reiten.

Meine Sichtweise: Struppiges, glanzloses Fell, Ringe durch die Nase, festgezurrte Stricke, Scheuerstellen, traurige Augen = Tierquälerei! = keinesfalls reiten!!!

Tagelang wurden also nun sämtliche Anbieter von uns genau observiert. Dann schließlich fanden wir ihn, den ultimativen Kamelhirten. Er ging sehr liebevoll mit seinen auffallend gepflegten Tieren um und die Tiere machten einen zufriedenen Eindruck, was ihm eine Buchung unsererseits sicherte.Eine Stunde später holte er uns pünktlich zum vereinbarten Termin am Hotel ab.

Marcel hieß das Kamel, das mir zugteilt wurde, Jaqueline hieß die Kameldame, die meinen Männe tragen sollte, Cleopatra die Kamelstute des Treckführers. Ich gebe offen zu: Mein Respekt vor diesen Tieren wuchs ins Unermessliche als ich aufstieg, und sich Marcel gleich darauf selbstständig machte. Kaum dass ich aufgesessen war sprang er auf, und marschierte auf die Straße. Der junge Kamelhengst trug zu diesem Zeitpunkt nur ein Halfter. Ich hatte weder einen Strick in der Hand, noch sonst irgendetwas mit dem ich hätte Verdindung aufnehmen können.

Der Versuch Marcel mit Schenkel- und Gewichtshilfen wenigstens wieder zurück auf den Seitenstreifen zu manövrieren, scheiterte unweigerlich an dem überdimensional gepolsterten ‚Sattel‘. Dieses Teil, das sowohl zur Seite des Kamelrückens, als auch zum Sitz des Reiter wie ein Luxussofa gepostert war, machte jegliche Einwirkung unmöglich. Ich fühlte mich wie die ‚Prinzessin auf der Erbse‘, die auf einem gigantischen Berg weicher Matratzen sitzt.

Der Griff ins Halfter war durch das unausgewogene Verhältnis zwischen Marcels Hals- und meiner Armlänge unmöglich. Bleibt zu erwähnen, dass es beim Kamelreiten unmittelbar vor dem Reiter erstmal steil bergab geht. Da der Hals es Kamels ja nach unten gebogen ist, schaut man vor dem ‚Prinzessin-auf-der-Erbse-Sattel‘ direkt ins Leere. Ziemlich befremdlich, wenn man es als Pferdereiter gewöhnt ist, ‚etwas vor sich‘ zu haben. Ich fühlte mich ziemlich verloren, zumal zunächst niemand bemerkt hatte, dass Marcel schon aufgebrochen war.

Zum Glück konnte unser Treckführer aber sehr schnell laufen, so holte er uns schließlich doch noch ein um uns zu den beiden Kamelstuten und meiner (schallend lachenden) besseren Hälfte zurückzubringen. Auf Pferden fühlte ich mich zu Hause, aber mit diesem schaukelnden Wüstenschiff, das ich nicht einmal selbst lenken konnte, war das absolut nicht zu vergleichen! Für einen Moment bereute ich dieser Kameltour zugestimmt zu haben.

Nachdem nun auch mein Männe und der Treckführer aufgestiegen waren, suchte ich das Gespräch mit dem Einheimischen, der erfreulicherweise ein wenig deutsch sprach. „Wie alt ist Marcel?“, wollte ich wissen. „Zweieinhalb“. Aha! „Und wann werden Kamele eingeritten?“ „Mit Zweieinhalb“, lautete die Antwort. Dann fügte er in gebrochenem Deutsch hinzu: „Für Marcel ganz neu, diese Job“. Er machte eine kurze Pause. „Du klein, du leicht – das gut! So Marcel kann lernen.“

Na Bravo! Da war ich mal wieder unfreiwillig zum Testpiloten geworden. (Warum eigentlich immer ich???) Was, wenn Marcel nun unterwegs feststellen würde, dass ihm der neue Job eigentlich gar nicht so zusagt? Würde er mich abwerfen? Würde mir meine Tierliebe jetzt das Genick brechen? Ein ungutes Gefühl machte sich breit. Und die Frage, ob Kamele eigentlich auch so richtig heftig Bocken können, beschäftigte mich plötzlich sehr…

Meine Bedenken erwiesen sich jedoch als völlig unbegründet. Greenhorn Marcel meisterte seine Aufgabe mit Bravour! Von Meter zu Meter wuchs mein Vertrauen zu ihm, ich begann den Trip zu geniessen. Der Tagesausflug wurde ein wunderschönes Erlebnis, das ich wohl nie vergessen werde. Zum Schluß zeigte uns Marcel noch ein Kunststück: Auf den Befehl „Schlaf“, (interessanterweise in deutscher Sprache erteilt), legte er sich flach auf die Seite, ließ sich geduldig fotografieren und dabei genüßlich den Kopf kraulen. Ich werde sie wohl nie vergessen, meine ‚Urlaubsliebe‘ Marcel…

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